Leitfaden zu Belgischen Silberstempeln

Leitfaden zu Belgischen Silberstempeln

I. Einleitung zu belgischen Silberstempeln

A. Bedeutung und historische Einordnung

Die Welt der belgischen Silberpunzen ist ein Spiegelbild der turbulenten Geschichte dieses Landes, das oft als „Schmelztiegel Europas“ bezeichnet wird. Silberstempel aus dem Gebiet des heutigen Belgiens dienen, ähnlich wie ihre niederländischen Pendants, der Garantie des Feingehalts und der Identifizierung des Herstellers. Doch während das niederländische System durch eine bemerkenswerte Kontinuität besticht, ist das belgische System durch Brüche gekennzeichnet: Von den strengen Zunftregeln der alten südlichen Niederlande über die französische Besatzung und die kurze Vereinigung mit den Niederlanden bis hin zur Unabhängigkeit 1830.

Für Sammler und Händler stellen belgische Silberarbeiten oft eine Herausforderung dar. Die Qualität der Silberschmiedekunst – man denke an den Barock in Lüttich (Liège) oder den weltberühmten Art Nouveau von Wolfers in Brüssel – ist unbestritten hoch. Die Identifikation erfordert jedoch ein Verständnis dafür, welches politische Regime zum Zeitpunkt der Herstellung herrschte.

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Anders als in vielen anderen Ländern gab es in Belgien zwischen 1831 und 1869 keine staatliche Punzierungspflicht für den Inlandsmarkt, was zu einer Vielzahl von Stücken führt, die lediglich mit Meisterzeichen oder einfachen Feingehaltszahlen versehen sind. Dieser Leitfaden soll Licht in dieses komplexe Feld bringen und die Identifizierung von den alten Zunftmarken bis zu den modernen Stempeln ermöglichen.

B. Kurzer Überblick über die Komplexität und Vielfalt

Das Gebiet des heutigen Belgiens war über Jahrhunderte ein Flickenteppich aus Herzogtümern und Grafschaften, die unter burgundischer, spanischer und österreichischer Herrschaft standen. Jede große Stadt – Antwerpen, Brüssel, Gent, Lüttich, Mons – hatte ihre eigenen Gilden und eigene Stempelsysteme. Diese lokale Autonomie endete abrupt mit der französischen Revolution und der Einführung der napoleonischen Gesetze um 1798.

Die Entwicklung lässt sich vereinfacht als ein Weg von extremer lokaler Diversität hin zu nationaler Vereinheitlichung beschreiben, wobei dieser Weg keineswegs geradlinig verlief. Besonders die Unterscheidung zwischen massivem Silber und der in Belgien extrem hochwertigen und populären Versilberung (z.B. Wiskemann) sorgt oft für Verwirrung. Ein fundiertes Verständnis der spezifischen Symbole – wie der „Januskopf“ oder das „A im Dreieck“ – ist daher unerlässlich, um wertvolle Originale von versilberter Ware oder Fälschungen zu unterscheiden.

II. Historischer Überblick der belgischen Punzierungssysteme

Die Geschichte der Silbermarkierung in Belgien lässt sich in vier dominante Phasen unterteilen, die jeweils völlig unterschiedliche visuelle Merkmale aufweisen.

  1. Die Zünfte (Ancien Régime) – Bis 1797 In dieser Periode, die die Zeit der Österreichischen Niederlande und das Hochstift Lüttich umfasst, wurden Stadtmarken (Wappen), Jahresbuchstaben, Meisterzeichen und Kontrollstriche verwendet.

  2. Französische Periode (1798–1814) Belgien war in dieser Zeit in französische Departements gegliedert. Es kamen standardisierte französische Stempel zum Einsatz: Der „Coq“ (Hahn) für den Feingehalt, verschiedene Köpfe zur Garantie sowie spezifische Departement-Zeichen.

  3. Holländische Periode (1815–1830) Unter dem Vereinigten Königreich der Niederlande galten die niederländischen Stempelgesetze. Typische Merkmale sind der laufende Löwe, der Minervakopf und Jahresbuchstaben.

  4. Das Königreich Belgien (ab 1831) Diese Phase unterteilt sich in zwei Abschnitte:

    • Die „Freie Periode“ (1831–1868): Es gab keine staatliche Punzierungspflicht für den Inlandsmarkt (außer für den Export). Objekte tragen meist nur Meisterzeichen und Zahlen wie „800“.

    • Modernes System (ab 1869): Einführung des Januskopfes (bis 1942) und später des „A im Dreieck“ (ab 1942). Wichtig ist jedoch, dass die staatliche Punzierung auch hier oft freiwillig blieb.

A. Die Zeit der Zünfte (bis 1797)

In den „Österreichischen Niederlanden“ und dem unabhängigen Hochstift Lüttich oblag die Kontrolle den lokalen Gilden. Ein Silberobjekt trug typischerweise vier Marken:

  • Die Stadtmarke: Das Wappen oder ein Symbol der Stadt.

  • Der Jahresbuchstabe: Zur Datierung (oft gekrönt).

  • Das Meisterzeichen: Initialen oder Symbole des Schmieds.

  • Ein Kontrollzeichen: Oft der Löwe von Brabant oder ähnliche heraldische Tiere.

Wichtige Beispiele für Stadtmarken:

  • Antwerpen: Eine offene Hand (oft in einem Schild, gekrönt).

  • Brüssel: Der Erzengel Michael, der den Drachen tötet (oft sehr klein und schematisch dargestellt).

  • Gent: Ein Löwe (der Löwe von Flandern), oft gekrönt mit „G“ oder im Schild.

  • Lüttich (Liège): Der „Perron“ (eine Säule auf einem Sockel), oft begleitet von Jahreszahlen.

  • Mons: Ein Turm oder eine Burg, oft mit den Initialen der Stadt.

  • Mechelen: Drei vertikale Balken (Wappen von Berthout), oft in einem Schild.

B. Die Französische (1798–1814) und Holländische Periode (1815–1830)

Diese Phasen sind für Sammler oft verwirrend, da die Stempel nicht typisch „belgisch“ aussehen.

  • Französische Periode: Mit dem Einmarsch der französischen Revolutionstruppen wurden die Zünfte abgeschafft. Es galt das französische System (der „Coq“ / Hahn). Der Unterschied zu Pariser Silber liegt in den Departement-Punzen (z.B. Brüssel als Hauptquartier des „Dyle“-Departements).

  • Holländische Periode: Nach Waterloo wurde das niederländische System verwendet (Löwe, Minerva, Jahresbuchstabe). Stücke aus dieser Zeit mit Brüsseler oder Antwerpener Provenienz sind rar und gesucht.

C. Das Königreich Belgien: Die Ära des Januskopfes (1831/1869 – 1942)

Nach der Revolution 1830 herrschte zunächst ein rechtliches Vakuum. Viele Silberschmiede stempelten nur ihr Meisterzeichen und eine Feingehaltsangabe (z.B. „11“ für 11 Deniers oder später „800“).

Erst das Gesetz vom 1. Juli 1869 führte wieder eine einheitliche, staatliche Kontrolle ein.

Hinweis: Diese staatliche Prüfung war fakultativ (freiwillig). Das erklärt die große Menge an Objekten, die auch nach 1869 keinen Staatsstempel tragen.

Das zentrale Symbol dieser Epoche ist der Januskopf. Dieses Symbol (ein Kopf mit zwei Gesichtern, nach links und rechts blickend) ist der wichtigste Indikator für staatlich geprüftes belgisches Silber des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

D. Die Moderne (ab 1942)

Während des Zweiten Weltkriegs wurde das System reformiert. Der Januskopf wurde durch ein geometrisches System ersetzt: Ein „A“ in einem Dreieck für Silber (Argent).

III. Die Hauptbestandteile belgischer Silberstempel (ab 1869)

Konzentrieren wir uns auf die Marken, die man im Antiquitätenhandel am häufigsten antrifft.

A. Feingehaltsstempel und Staatsgarantie

Die gebräuchlichsten Legierungen sind 800/1000 und später 835/1000 oder 925/1000.

  1. Der Januskopf (1869 – 1942): Dieser Stempel garantierte spezifisch den zweiten Titel (min. 800/1000). Er kann alleinstehen oder in Kombination mit einer Zahlenpunze auftreten.

  2. Das Dreieck (ab 1942):

    • A800: Mindestfeingehalt 800/1000.

    • A835: Mindestfeingehalt 835/1000.

    • A925: Sterling Silber (925/1000).

Fehlt das Dreieck bei neuerem Silber, handelt es sich oft nicht um massives Silber oder um Ware, die nicht staatlich geprüft wurde.

B. Jahresbuchstaben (Das große Missverständnis)

Ein wesentlicher Unterschied zu den Niederlanden oder Großbritannien: Belgien verwendet seit 1798 in der Regel keine Jahresbuchstaben mehr.

Die Datierung erfolgt primär über:

  • Die Stilepoche (Neorokoko, Art Nouveau, Art Déco).

  • Die Tätigkeitszeit des Meisters (Registrierungsdaten).

  • Eventuelle Inschriften oder Gravuren.

C. Meisterzeichen (Maître Orfèvre)

Da Jahresbuchstaben fehlen, ist das Meisterzeichen der wichtigste Schlüssel zur Provenienz.

  • Die Tonne (Tonneau): Eine tonnenförmige Umrandung ist in Belgien extrem verbreitet für Silber- und Versilberungsmarken.

  • Die Raute (Lozenge): Traditionell für massives Silber.

Berühmte belgische Meister:

  • Wolfers Frères: Das „Cartier“ Belgiens. Marke oft: Ein Dreieck mit drei Sternen und einem „W“.

  • Delheid Frères: Bekannt für die Marke „Sivar“. Marke: Ein großes „D“ unter einer Schlange oder einem Stern.

  • Altenloh: Hofjuwelier in Brüssel. Oft voller Namenszug.

IV. Sonderstempel und die Falle der Versilberung

Belgien war eine Weltmacht in der Produktion von hochwertigem versilbertem Tafelgeschirr (Hotel-Silber). Marken wie Wiskemann oder Christofle (Belgische Zweigstellen) sind allgegenwärtig.

A. Punzen für Versilberung (Métal Blanc / Plaque)

Anders als bei massivem Silber, wo „800“ den prozentualen Anteil angibt, nutzen belgische Versilberer Zahlen, die das Gewicht des Silbers angeben, das für ein Besteckset (meist 12 Gedecke) verwendet wurde.

  • Typische Zahlen: 84, 90, 100, 150.

  • Die Gefahr: Eine Punze „84“ wird oft fälschlicherweise für russisches Silber (84 Zolotniki) gehalten. In Belgien bedeutet es jedoch meist nur eine Standard-Versilberung.

  • Erkennungszeichen: Oft steht zusätzlich „GR“ (für Grammes) oder Symbole wie eine Waage dabei.

B. Export- und Importmarken

  • Export: Trägt oft keine gesonderten bildlichen Symbole, sondern meist die regulären Feingehaltsstempel oder gar keine staatlichen Marken.

  • Import: Wichtiger für Sammler ist die Import-Marke. Für ausländisches Silber findet man oft den Buchstaben „E“ (für Etranger = Fremd), meist in einem rechteckigen oder ovalen Rahmen.

V. Praktische Anleitung zur Identifizierung

Wenn Sie ein Stück vermutetes belgisches Silber vor sich haben, gehen Sie am besten wie folgt vor:

A. Benötigte Hilfsmittel

Eine 10- bis 20-fache Lupe und gutes Licht sind unverzichtbar.

B. Schritt-für-Schritt Analyse

  1. Suchen Sie nach Zahlen:

    • „800“, „835“, „900“ -> Gutes Zeichen für massives Silber.

    • „100“, „84“, „60“ (ohne Prozentangabe) -> Wahrscheinlich versilbert.

  2. Identifizieren Sie den Staatsstempel:

    • Doppelgesicht? -> Januskopf -> Belgien 1869–1942.

    • Dreieck mit A? -> Belgien nach 1942.

    • Hahn? -> Französische Zeit (Vorsicht, Department prüfen!).

    • Säule (Perron) oder Hand? -> Antikes Silber vor 1798.

  3. Das Meisterzeichen:

    • Ist es Wolfers, Delheid, Wiskemann? Der Name entscheidet oft über den Wert.

C. Häufige Fallstricke

  • Wiskemann-Besteck: Wenn nur „Wiskemann“ und „100“ draufsteht, ist es versilbert. Massives Silber von Wiskemann trägt immer zusätzlich die „800“ oder „925“ und meist den offiziellen Staatsstempel.

  • Pseudomarken: Im Historismus (spätes 19. Jh.) findet man oft Fantasiemarken, die wie alte Zunftstempel aussehen sollen.

VI. Ressourcen zur weiteren Recherche

A. Wichtige Nachschlagewerke (Bücher)

  • „Belgische Zilvermerken“ (Walter Van Dievoet): Das Standardwerk für Meisterzeichen.

  • „Orfèvrerie au poinçon de Bruxelles“ (Jacques Stuyck): Unverzichtbar für Brüsseler Silber.

  • „Poinçons d’argent“ (Tardy): Das internationale Taschenbuch.

B. Online-Datenbanken

  • Silvercollection.it: Exzellente Sektion zu Belgian Hallmarks.

  • 925-1000.com: Expertenforum.

  • KIK-IRPA: Datenbank des belgischen Kulturerbe-Instituts mit Fotos von Museumsstücken.

VII. Schlussbemerkung

Belgisches Silber ist ein faszinierendes Sammelgebiet, das zu Unrecht oft im Schatten der großen französischen oder englischen Nachbarn steht. Die Qualität der Ausführung, besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert, ist oft überlegen.

Das Fehlen von Jahresbuchstaben macht die Datierung zwar zu einer Detektivarbeit, doch die Entschlüsselung der Meisterzeichen und der stilistischen Merkmale ist umso befriedigender. Ob Sie nun einen barocken Leuchter aus Lüttich oder eine Art-Déco-Schale von Wolfers in Händen halten – mit dem Wissen um den Januskopf und die historischen Brüche der belgischen Geschichte sind Sie bestens gerüstet, um diese Schätze zu heben.

Für spezifische Fragen steht Ihnen wie immer unser Forum auf dieschatzkisteimnetz.de zur Verfügung.

Ralph Prüschberg